2025 ︎
Das Unrecht von damals
︎Skulpturale Intervention︎1,47 m x 1,90 m / 1,60 m x 1,52 m / 1,50 m x 1,80 m / 1,40 m x 1,60 m︎Stahl︎Marc-Aurel-Ufer, Regensburg (D)





Das Unrecht von damals


Skulpturale Intervention, 2025
Marc-Aurel-Ufer, Regensburg (D)

1,47 m x 1,90 m / 1,60 m x 1,52 m / 1,50 m x 1,80 m / 1,40 m x 1,60 m
Stahl


You can kill the ghosts—that’s the imperialist fantasy.“



– über Johanna Tinzls »The Wrongs of Back Then«



Johanna Tinzls Installation »The Wrongs of Back Then«/»Das Unrecht von damals« besteht aus vier Skulpturen im öffentlichen Raum. Die schemenhaften Gesichter messen rund eineinhalb bis zwei Meter im Durchmesser und sind aus massiven, unbehandelten Stahlrohren gefertigt. Tinzl hat die Skulpturen in Regensburg, im Südosten Deutschlands, entlang des Gehwegs am Donaufer im Zentrum der Stadt aufgestellt. Unweit der Eisernen Brücke sitzen zwei von ihnen rückseitig am Geländer zur Straße und zwei weitere an der Böschung zum Wasser hin. Die Stahlobjekte sind wie mit einem einzigen Strich skizziert – übergroße Kinderzeichnungen –, und scheinen, trotz ihrer Schwere, aus dem Wasser und dem Weg, der es säumt, aufzusteigen.

Ausgangspunkt des Projekts ist die bis heute viel zu wenig besprochene und kaum aufgearbeitete innereuropäische Geschichte der Sklaverei, die von der Antike bis weit ins Mittelalter reicht – ein Zeitraum, dessen schiere Dauer man sich erst vergegenwärtigen muss. Und deren Bedeutung, wie die abolitionistische Geographin Ruth Wilson Gilmore betont, für das Projekt der europäischen Moderne entscheidend ist.1 Johanna Tinzl begegnete dieser Geschichte im „Besucherzentrum Welterbe Regensburg“2, wo sich die seit 2006 als UNESCO-Kulturwelterbe „geadelte“ – so heißt es auf der Website – Stadt in einer Dauerausstellung präsentiert. Auf einer Tafel sind die Waren gelistet, mit denen zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert an diesem zentralen Handelsplatz, der „Handelsmetropole“3 Regensburg, gehandelt wurde: Wein, Stoffe, Seife, Gewürze, Zinn, Honig, Salz und: Sklaven. Die versklavten Menschen erscheinen darin als ein Eintrag unter anderen. Regensburg war neben Städten wie Prag ein Zentrum des Sklavenhandels. Dokumente wie die zwischen 903 und 905 verfasste Raffelstetter Zollordnung belegen das. Die Versklavten stammten zum Großteil aus Osteuropa; die slawische Bevölkerung wurde mit dem lateinischen „sclavi“ bezeichnet, woraus sich der deutsche Begriff entwickelte. Außerdem täuscht das generische Maskulinum in der Aufzählung, denn unter den Versklavten befanden sich besonders viele Frauen, und auch Kinder waren unter ihnen.

Für Tinzl sind die Skulpturen Geister, die für das Unrecht von damals stehen. Doch sind diese Geister weder ephemer noch flüchtig, sondern massiv. Sie insistieren, leben fort – unverrückbar im öffentlichen Raum, mitten im Zentrum einer Stadt, die sich, wie viele andere Orte Europas, ihren Besucher*innen als geschichtsträchtig darbietet und dabei nach wie vor immense Teile ihrer Geschichte ausblendet. Auch wenn dort Aspekte der Vergangenheit bearbeitet wurden und werden, bleiben andere unsichtbar.

„You can kill the ghosts—that’s the imperialist fantasy“, sagt der Wissenschaftshistoriker Thomas Laqueur in einem Gespräch.4 Laqueur, der sich eingehend mit kulturellen Praxen rund um den Tod auseinandergesetzt hat, fragt: Wie kümmern wir uns um die Toten? Wie bestehen die Toten einer Gesellschaft in ihrer (offiziellen) Erinnerungskultur fort? Wie lange überleben jene, die gewaltsam getötet wurden? Die Vorstellung, die Toten nicht als Geister weiterleben zu lassen, sondern sie ein für alle Mal auszulöschen, sei eine imperiale Fantasie, so Laqueur. Die Geister ließen sich nicht wegschaffen. Und auch Tinzls Geister können nicht getötet werden. 
Das Eisen, aus dem die Objekte gefertigt sind, ist ein uraltes Material mit einer komplexen Geschichte. Durch seine Verwendung greift Tinzl bis in die Römerzeit und das Mittelalter zurück. Sie erzählt mir, dass die Skulpturen aus geschmiedetem Stahl bestehen – einem Material, aus dem u.a. in der Antike und im Mittelalter – Zeiten, für die die Künstlerin sich interessierte – Objekte hergestellt wurden, die dem praktischen Überleben, dem Schutz vor der Natur, aber auch der Ausbeutung und Tötung anderer dienten. Tinzl folgt dem Material, den Werkzeugen und Infrastrukturen aus Eisen, um verschiedene europäische Gewaltgeschichten miteinander zu verschränken.

In meiner Vorstellung sind Eisen und Stahl Materialien, die unsere moderne Welt strukturieren. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Industrialisierung, in nationalistischen, faschistischen und kolonialen Gewaltregimen sowie deren Kriegswirtschaften. Eisen und Stahl lassen mich darüber nachdenken, woraus das Skelett unserer Gegenwart besteht: Was sind die Knochen unserer Gesellschaft; was ihre Infrastrukturen? Was macht sie aus, das wir (un)bewusst übersehen und verdrängen? Wenn Jahrhunderte der Sklavereigeschichte nicht in unserem Bewusstsein aufscheinen, was sagt das über das Erkennen gegenwärtiger Sklaverei? Die Versklavung erscheint als ein vehement verdrängter blinder Fleck unseres europäischen sogenannten Welterbes. Sie sitzt dort – im Kern der modernen Welt.

„Was mich interessiert, ist die Gegenwart“, sagt Johanna Tinzl. Für die Künstlerin ist »The Wrongs of Back Then« auch der Versuch, darüber nachzudenken, welche Vergangenheiten nie geschlossen wurden. Durch die Geister, die sich im Jetzt materialisieren, wird das Unrecht von damals in die Gegenwart geholt. Es lässt sich nicht in der Vergangenheit einfrieren, sondern bewegt sich und wandelt durch verschiedene Zeiträume hindurch.


In der römischen wie griechischen Mythologie umfließen Flüsse die Unterwelt.5 Vor diesem Hintergrund wird die Donau zum Strom, der zwischen der Welt der Toten und der Welt der Lebenden verläuft: ein Strom des kulturellen Unbewussten, der Verdrängtes transportiert – Trümmerteile, Fragmente und die Fratzen zu Unrecht Ermordeter.

Die Donau zieht außerdem eine Verbindungslinie zu dem Ort, an dem Tinzl lebt und arbeitet; 430 Kilometer flussabwärts von Regensburg liegt Wien. Was geht uns hier nach, von wo aus auch ich schreibe – Dinge, die unsere Geschichte und Gesellschaft ausmachen, deren Wahrnehmung wir uns aber verweigern? Durch die Materialisierung der Geister hilft Tinzl uns, sie zu sehen. Vielleicht ist sie daran interessiert, wie wir geistersichtig werden können – wie wir uns also der Realität und Gegenwart der Toten stellen und uns ihrer annehmen; ihnen antworten. Darin, in der Hinwendung zu den lebenden Toten, liegt dann die zentrale Frage, wie wir wirklich erinnern können.

Text: Andrea Popelka





1 Antipode Online, „Geographies of Racial Capitalism with Ruth Wilson Gilmore“, URL: https://www.youtube.com/watch?v=2CS627aKrJI, abgerufen am 1.06.2026.

2 Stadt Regensburg, „Besucherzentrum Welterbe Regensburg“, URL:https://www.regensburg.de/welterbe/besucherzentrum, abgerufen am 6.06.2026.

3 Stadt Regensburg, „Welterbe Regensburg“, URL:https://www.regensburg.de/welterbe/welterbe-regensburg, abgerufen am 6.06.2026.

4 Hannah Black für The New Inquiry, „Dead Can Dance“, URL: https://thenewinquiry.com/dead-can-dance/, abgerufen am 10.06.2026. Geführt mit der Künstlerin Hannah Black unter im New Inquiry: https://thenewinquiry.com/dead-can-dance/.

5 Die Namen Styx und Lethe stehen auch für das Vergessen und das Latente, im Altgriechischen bedeutet λήθω lḗthō „verborgen sein“.



Die Schmiedearbeiten der Skulpturen und die Installation vor Ort setzte Bartholomäus Skinner mit Bernhard Buff um.

Alle Fotos: © Stefan Effenhauser